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Reisebericht einer Pilgerschaft von Konstanz zur Engelweihe nach Einsiedeln in der Schweiz - 10.-15. September 2012

Nach einer ersten Informationsveranstaltung, trafen wir uns mehrmals während der Vorbereitungsphase. Das war wichtig, um allen, die sich für das Pilgern interessierten, durch ausführliche Informationen und umfangreiches Material die Entscheidung zu erleichtern. Anfänglich hatten sich acht Frauen für diesen Pilgerweg nach Einsiedeln interessiert. Schade, dass einige dann doch diese Herausforderung scheuten.
Im Juli machten wir uns zu einem Probepilgern nach Beuron im Donautal auf. Im Kloster nahmen wir an einer Messe teil; Pater Sebastian gab uns den Pilgersegen. So liefen wir unsere erste gemeinsame Pilgerstrecke von Beuron nach Sigmaringen. Wenige Wochen später nahmen wir uns einen zweiten Vorbereitungsweg vor. Mit vollgepackten Rucksäcken (mit Büchern gefüllt) stiegen wir zum Rusenschloß in Blaubeuren hinauf. Gut ging es uns dabei, und wir waren voller
Vorfreude auf unseren bevorstehenden Pilgerweg nach Einsiedeln.

1.Tag: 10.September, von Konstanz nach Märstetten

Am Montag, 10. September  2012, war es dann endlich soweit. Bestens gerüstet reisten wir mit der Bahn nach Konstanz, unserem Ausgangspunkt. Im Münster erhielten wir den Pilgerstempel. Vor dem Münster überraschten uns zwei Roma-Straßensänger mit dem Lied „My Way“ von Frank Sinatra. Das war so unglaublich passend, da wir ja gerade „unseren Weg“ begannen und dies mit einem Musikstück, das uns allen aus den gemeinsamen Stunden im Tanz-T-Raum sehr vertraut war. Wir Frauen freuten uns und sangen aus vollem Herzen mit.
AufbruchstimmungBeschwingt nahmen wir den Weg durch Konstanz Richtung Kreuzlingen auf, immer unserem Orientierungssymbol, der gelben Jakobsmuschel nach. Nach kurzweiligen 4 Kilometern erreichten wir Kreuzlingen. Erfreut über diesen wundervollen Tag und die Tatsache, dass wir wirklich unterwegs waren, gönnten wir uns erst einmal einen Kaffee Schümli.

In Konstanz

Nach dieser Einkehr ging es weiter zur nächsten Station, der Heiligkreuzkapelle Bernrain in Emishofen. Wir verweilten einige Zeit, sangen, beteten und genossen die Stille.

Unsere weitere Wanderung führte durch das fruchtbare Thurgau mit seinen reichen Obstbäumen, saftigen Wiesen und fruchtbaren Feldern.

Thurgau

Wunderschöne alte, behutsam renovierte Häuser strahlten uns entgegen. Am späten Nachmittag erreichten wir unser erstes Etappenziel Märstetten, das am Kreuzungspunkt einer alten Römerstraße mit dem Pilgerweg von Konstanz nach Einsiedeln liegt. Unsere Unterkunft war eine alte, schön renovierte und neu belebte Pilgerherberge. Ein sympathisches Schweizer Schwesternpaar leistete uns Gesellschaft.

Brunnen in MärstettenFachwerkhausFachwerkhaus

Die Blessuren unserer ersten Tagesetappe wollten nun gepflegt werden: blaue Flecken, schmerzender Rücken und Blasen an den Füßen. Nach einer stärkenden Pilgersuppe, einem erfrischenden Panaché und einem kurzen Fußbad im Stadtbrunnen von Märstetten, konnten wir alle wunderbar einschlafen.

unterwegsSchmerzender FußPilgerrast

2. Tag: 11. September, von Märstetten nach Tobel

Die zweite Etappe führte nach Tobel. Auch auf dieser Strecke begleitete uns strahlender Sonnenschein. In der Komturei Kreuz Tobel, unserer Herberge für diesen Tag, wurden wir sehr freundlich empfangen. Die Komturei Kreuz Tobel ist eine Gemeinschaft, die sich nach den Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia richtet, aber bewusst auf einen kirchenrechtlichen Status oder eine Anbindung an die Beneditinerkongregation der Schweiz verzichtet. Wir waren von diesem Ort sehr beeindruckt. Uns war bewusst, dass dieses Haus, dieser Ort unglaubliche Geschichten zu erzählen hätte. Wir glaubten, sie tatsächlich zu spüren.

BergbauernhofTobel
Ein heftiges Gewitter während der Nacht und Schnürlregen am nächsten Tag konnten unsere gute Stimmung nicht vermiesen.

3. Tag: 12. September, von Tobel nach Fischingen

RegenBei Tobel im starken Regen

Bester Laune machten wir uns wieder auf den Weg, unsere dritte Etappe, nach Fischingen. Die Bergwelt der Schweiz, hohe Pässe und tiefe Täler, verstärkten unser Gefühl, als Pilger unterwegs zu sein. Unser Weg war anstrengend, denn es ging unentwegt hinauf und hinab. Hinauf auf den nächsten Pass und wieder hinunter ins Tal. Anstrengend, aber landschaftlich reizvoll und wunderschön. Ausreichend Pausen, ein herzhaftes Vesper, nette Begegnungen mit freundlichen Menschen und das stille Verweilen in den Pilgerkapellen, ließen uns die Zeit und die Anstrengungen vergessen. Rechtzeitig zum Abendessen kamen wir im Kloster Fischingen an, einem besonderen, spirituellen Ort. Hier trafen wir auch unsere drei Schweizer Wegbegleiterinnen wieder. Mit ihnen zusammen genossen wir ein gutes Abendessen, köstlichen Klosterwein und Quellwasser.
Abendessen unter Pilgerinnenin der Klosterkirche in Fischingen
An diesem Abend wurden wir mit einer Zen-Abendmeditation in der Klosterkirche beschenkt, an der viele Einheimische und Gäste des Klosters teilnahmen.

4. Tag: 13. September, von Fischingen nach Rapperswil

In der Morgenandacht am Donnerstag bekamen wir den Pilgersegen. So starteten wir gut gestärkt Richtung Rapperswil. Wir wussten, dass dies die anspruchvollste Etappe werden würde : 30 Kilometer Wegstrecke und 600 Höhenmeter. Gerne verabredeten wir uns mit unseren Wegbegleiterinnen im Gipfelbeizli auf dem Hörnli zu einer Pilgermahlzeit.

Bach im Waldim ThurgauKapelle

Diese Etappe führte uns wieder durch satte, grüne Wiesen. Das Kuhglockengeläut hatte eine beruhigende, fast meditative Wirkung auf uns. Schritt für Schritt, ohne Hast und Hektik, die Ruhe und Stille dieser schönen Bergwelt einatmend, erreichten wir den Gipfel des Hörnli zur Mittagszeit. Die Schweizer Schwestern erwarteten uns schon. Mit dem versprochenen Roten stürmten sie uns entgegen. Die sechste Pilgerin im Bunde ließ nicht lange auf sich warten. So wurde die Mittagspause sehr vergnügt und ganz nebenbei betrieben wir schwäbisch-schwyzerdütsche Sprachstudien.
am HörnliSchweren Herzens nahmen wir Abschied und machten uns auf den Weg hinunter ins Tal. Eine sehr lange Wegstrecke lag noch vor uns. Nach kurzem Nachdenken war uns klar, dass wir unser Ziel an diesem Tag so nicht erreichen würden. Für eine kurze Strecke nahmen wir deshalb die Bahn. Das mag vielleicht nicht wirklich die echte Pilgerart sein, vernünftig war es allemal! Am frühen Abend kamen wir in der wunderschönen Pilgerherberge in Rapperswil an. Lilly und Thomas, die Hospitaleros, empfingen uns mit frisch gebackenem Panettone. Sie luden uns zum Abendessen an den großen runden Tisch ein. Diese Einladung nahmen wir sehr gerne an. Das leckere Essen bei köstlichem Wein wurde gekrönt durch interessante, spannende und anregende Pilgererzählungen und Geschichten, die das Leben so schreibt.

In der Pilgerherberge

5. Tag: 14. September, von Rapperswil nach Einsiedeln

Der nächste Morgen erfrischte uns mit sonniger Eiseskälte am schönen Zürichsee. Weiter ging unser Wegauf dem Holzsteg über den See, der nach alten Plänen eigens für Pilger neu erbaut wurde. (Er wird auch gerne von Nichtpilgern benützt.)
In der Mitte des Stegs blieben wir stehen, hielten inne und schauten zurück. Wir waren sehr beeindruckt von dem langen Weg, der hinter uns lag.

ZürichseeMorgen am ZürichseeAm Zürichsee

Dann richteten wir unseren Blick nach vorn, auf das nächste Ziel, einen weiteren Pass, den Etzelpass. Vorbei am Meinradsbrunnen, einer Kapelle, die Bruder Meinrad, einem Einsiedler, geweiht ist, kehrten wir in der Gipfel-Gaststätte ein.

MeinradsbrunnenEtzelpass

Wir belohnten uns selbst mit Eis, Kaiserschmarren und Espresso und wurden belohnt mit einem unbeschreiblich schönen Ausblick über die verschneiten Gipfel des Schweizer Alpenpanoramas.

Ausblick vom EtzelpassGipfelgaststätte

Die allerletzte Etappe lag vor uns. Wir gingen schweigend, jede für sich mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
Am späten Nachmittag erblickten wir die großzügige Klosteranlage von Einsiedeln am Horizont. Eine tiefe Bewegtheit unter uns wurde sichtbar. Starke Emotionen, Freude, Stolz und Dankbarkeit nahmen sich Raum.

Kloster Einsiedeln

Der Weg durch die Stadt Einsiedeln zog sich ein wenig hin, sodass wir zügig an blühenden Vorgärten und liebevoll geschmückten Häusern vorbeigingen. Aber dann, endlich, hatten wir unser Ziel erreicht: die große Freitreppe hinauf zum Dom. Wir standen davor, sahen die imposante Klosteranlage, den Dom und den Frauenbrunnen auf dem Vorplatz.
 Kloster EinsiedelnBlick auf EinsiedelnBeim Kloster

Gemeinsam, sehr andächtig, betraten wir mit unseren schweren Rucksäcken, die wir den ganzen weiten Weg ohne großes Murren getragen hatten, den Dom. Wir lauschten den Gesängen und Gebeten, betrachteten die sakralen Kostbarkeiten und konnten es selbst kaum fassen: wir hatten es geschafft!
Im Kloster wurden wir schon erwartet. Im Pilgerzimmer nahmen wir unsere Schlafplätze für diese letzte Nacht ein – in uralten hohen Holzbetten: mit einem kurzen Anlauf musste man hinaufhüpfen und schon versank man tief in den weichen Matratzen.
Angekommen, erfrischt und ausgeruht freuten wir uns auf das große Wallfahrtsfest, die Engelweihe. Die Klosteranlage, der Frauenbrunnen auf dem Vorplatz, der Altar der Schwarzen Madonna im Dom und die Stadt Einsiedeln glänzten im Schein von zigtausend brennenden Kerzen. Dieses Wallfahrtsfest beruht auf einer Legende, die bis ins Jahr 948 n.Chr. zurückreicht. Viele Pilger aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland reisen alljährlich am 14. September nach Einsiedeln.
Die Gesänge der Mönche hießen uns willkommen. Unzählige Engel schauten freundlich, geradezu liebevoll auf uns herab. Die Prozession zur Schwarzen Madonna und nach draußen zum Frauenbrunnen bildete einen der Höhepunkte dieses Festes. Für uns war es das unvergleichliche Orgelspiel, das mir schon nach meinem ersten Besuch in Einsiedeln unvergesslich blieb. Diese himmlische Musik nahm uns alle in ihren Bann. Und Marlies sah all die Engel durch dieses Orgelspiel in Bewegung gesetzt, so, als schwebten sie über uns hinweg. Ich fühlte eine tiefe Zufriedenheit mit der Welt und mit mir.
Der Organist war kein geringerer als der des Vatikans in Rom. Sein Stammhaus ist das Kloster Einsiedeln und jährlich zur Engelweihe kehrt er für dieses Fest zurück, um alle Gläubigen, Besucher, Mitbrüder und Patres immer wieder aufs Neue mit seinem Orgelspiel zu verzaubern.
Die Erfahrungen des gemeinsamen Pilgerweges, das Fest der Engelweihe und die Übernachtung im Kloster Einsiedeln haben diese Pilgerschaft zu einem besonderen, tiefgreifenden Erlebnis werden lassen.

die Pilgerinnen

Mein persönliches Anliegen für diese Pilgerschaft, diejenigen, die sich mit mir auf das Wagnis Jakobsweg einlassen würden, zu ermutigen, weitere Wege, auch alleine zu gehen, ist mir gelungen.
Von Herzen freue ich mich auf freundliche Begegnungen und wertvolle Erfahrungen auf meinem weiteren Weg nach Santiago, alleine oder in lieber Begleitung.

Ultreya !
Gabi Kottmann